Es war einer jener seltenen Momente, in denen unsere Schulleiterin, Sonja Brunner, ihre Führungsqualitäten unter Beweis stellte. Ihre transparenten Führungsgrundsätze in Ehren, aber manchmal wird die Führung so transparent, dass sie sogar mir, als ehemaligem Mitglied einer Longo-Mai-Kommune in der Provence, zu unsichtbar wird.

Nun, in diesem Fall war es komplett anders. Mich, ausgerechnet mich – zugegebenermassen den grössten Chaoten des Schulhauses – beförderte sie zum Kustos der Werkstätten. Mein Vorgänger hatte stets heruntergeleiert, dass er erst wieder Zeit in die Werkstätten investiere, wenn die Schüler mehr Sorge trügen. Die Folge davon war, dass es allmählich nicht mehr viel hatte, zu dem man hätte Sorge tragen können – weil es in den Werkstätten gar nichts mehr hatte.

Genau in diese Notlage fiel mein erster Auftritt als Kustos. Ich musste irgendwie sicherstellen, dass überhaupt noch Werken unterrichtet werden konnte. Nachdem ich die ersten drei Wochen nur von den Erlebnissen mit meinem VW-Bus im australischen Outback hatte erzählen können, beschloss ich, ein Wochenende zu opfern. In diesen drei Stunden reifte die Einsicht, dass es einfacher ist, einen Sack Flöhe zu hüten als die Oberaufsicht über Döbeli und Co. auszuüben. – Hier bräuchte es eine wie die Partelli; dann wäre im Holzlager alles so akribisch geordnet, dass sogar der pingeligste Feldweibel eine Hühnerhaut kriegen würde. Eigentlich schade, dass sie kein Werken gibt.

Wo ist der zweite Akkuschrauber? Wahrscheinlich mit Döbeli im Centovalli. Wer hat den Gabelschlüsselsatz? – So kann man einfach nicht arbeiten! Wenn jede Lehrperson gleich viel Energie in die Ordnung stecken würde, wie in den Bau ihrer privaten Möbelstücke, liefe es hier rund. Oder gleich viel Zeit wie ins Jammern! Frage ich einen Kollegen nach einem verschollenen Werkzeug, so muss ich mir zuerst endlose Klagen anhören: Die Schüler/innen trauten sich   alles zu, könnten aber kaum ein Werkzeug richtig halten, jeder Einsatz von teurem Material sei eine Verschwendung. Auch hätten sie keinen Respekt mehr vor der Einrichtung und machten alles kaputt. Letzteres weiss ich seit ein paar Wochen aus erster Hand…

Und trotzdem müsste diesen Kollegen einfach mal einer sagen, dass ihr Approach nicht stimmt.  Warum wollen in der Dritten alle zu mir ins Wahlfach? Weil ich mit der Zeit gehe. Weshalb noch mühsam Schatullen schreinern, wenn man das gleiche als «Halmström» für 14.90 bei IKEA kaufen kann? Heute geht es darum, das Material zu erleben und den Prozess. Ob am Schluss etwas herauskommt, ist doch völlig zweitrangig. Hauptsache das Lernklima ist gut. Ai Weiwei hat seine Plastiken auch nicht nach Plan und Stückliste aus vorgefertigten Holzleistchen zusammengeschustert!

Wisst ihr, was ein Kollege seine Kids noch bauen lässt? – CD-Ständer! Und das auch nur, weil die Hobli das Lang- spielplattenregal anno 1987 aus dem Sortiment gekippt hat. Da bin ich den anderen um Lichtjahre voraus! Während sie bei Döbeli Brieföffner aus einem Aluminiumklotz herausfeilen, mache ich mit ihnen MP3-Holder und E-Mail-Opener.

Seit mir mal eine Schülerin gesagt hat: «An Weihnachten verteile ich keine Geschenke, dann kriege ich sie», habe ich auch dieses dröge Feiertags-Basteln aufgegeben. Das ist doch ein Brauch aus dem 20. Jahrhundert.

Kein Wunder wird bei den anderen ab und zu Werkzeug und Einrichtung zerstört. Wenn ich solche Sachen bauen müsste, hätte ich in regelmässigen Abständen das Bedürfnis, eine halbleere Spraydose mit der Reissnadel aufzustechen oder eine Reibahle zu einem Schlitzschraubenzieher umzuschmieden, wie das letzthin bei einem Kollegen passiert ist. Wenn die Beziehung zum Schüler nicht stimmt, dann nützt die grösste Autorität nichts. Aber wie soll die Beziehung zu einem Typen stimmen, der mich als Ovo-Lakto-Vegetarier ein Fleischbrett schnitzen lässt?

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