Marcos Handy klingelt in der Badetasche. (Strandmusik, Werbedurchsagen und lärmende Bambini beeinträchtigen die Kommunikation. Marcos Sohn nimmt ab.)


Sonja: Hallo…? Marco…? Ich bin die Schulleiter… (Der Rest geht im Lärm unter.)
Marcos Sohn: Papààà! Chumm! Una donna, parla tedesco! Öppis mit Schuel … leider.
Marco: Hallo…? Ahh, Sonja vom Brunnacker… Si, la pizza ai funghi è per me … Sorry, bin beim Mittagessen.
Sonja: Ich dachte, um zwei Uhr nachmittags könnte ich dich erreichen. Ich hatte dir doch geschrieben…
Marco: Sonja, nimm’s nicht persönlich, aber es sind Ferien, und dann lese und beantworte ich grundsätzlich keine Mails. In der letzten Ferienwoche werde ich im Brunnacker sein, da ich mich bei euch neu einrichten muss. … Si, vino della casa, per favore…
Sonja: Die Woche vor dem Restart gehört ja irgendwie sowieso dazu. Aber auch der Kontakt per Mail gehört zum Berufsauf… (Lärm).
Marco: Cazzo, un po‘ di silenzio! Beruf…? Beruf…?
Sonja: Berufsauftrag. Du hast 25 Stunden für Administration und Kommunikation bekommen.
Marco: Bekommen habe ich gar nichts, wenn man’s genau nimmt. … (Im Hintergrund hört man Zurufe, eine warme Pizza warte nicht.)
Sonja: Hallo? Eigentlich wollte ich dein Feedback zur Konzeptentwurf «Didaktik der Pausengestaltung». Und Marco, als Neuer solltest du wie die andern coole Bilder auf unserem WhatsApp-Chat posten. Marco beim Pizzaessen. Pizza Kwattro Stazione, du offerierst deinem Sohn ein Stück. Das verweist auf unsere Werte «Empathie für Diversität» und «Think, pair, share»! So soll dein pädagogisch-didaktisches Setting durchschimmern. So lernt mein Team den wahren Marco Monti kennen!
Marco: Na ja, ich halte nichts von dieser aufgesetzten Fröhlichkeit. Zudem gibt’s auch im Lehrerberuf eine Privatsphäre. (Zur Ehefrau:) Due minuti, Monica, due minuti.
Sonja: In unserer Schulkultur haben wir da eine andere Meinung. Bei uns bist du immer Lehr- und immer Privatperson in einem. Du bist ein Label, ein Stakeholder innerhalb der Brunnacker-Franchise.
Marco, lacht: Tönt echt … äh … cool. Ich hoffe, ihr kennt auch das Cash-Back-Prinzip. Da muss ich schon fast nicht mehr arbeiten, nicht wahr?
Sonja: Gut beginnst du zu begreifen, Marco. Arbeiten nennen wir’s nicht mehr. Wir nehmen das Work aus der Work-Life-Balance. Dann bleibt nur Life. Das ist entlastend, gerade in unserem 24/24-Betrieb. Die Schulentwicklung geht in Richtung Familienbetrieb, wir sind eigentlich ein Türken-Kiosk, mit breitem Angebot.
Unsere Schule verkauft nicht nur Wissen, äh… ich meinte Kompetenzen, sondern Identifikation, Community. Vergessen wir nicht die Snacks am Pausenkiosk. Und unsere Werte.
Marco: Meine Werte gehen eher in Richtung eines Gruppenraums alleine für meine Klasse und einer Entlastungsstunde für mich als Klassenlehrer.
Sonja: Bei uns ist alles im Package dabei, allerdings auf gemeinschaftlicher Ebene. Dein individuelles Sonderzüglein fährt bei uns nicht. Du bist laut Vertrag auch nicht als Lehrer, sondern als Lehrperson angestellt.
Marco: Sonja, jetzt braucht mich mein Lehrpersonsohn…
Der Sohn: Papà, la pizza è fredda…

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